Fotografie einer Toten

Post-Mortem-Fotos… Ihhh! Ich erschauderte, als ich das Foto an der Wand meines Onkels sah. Immer wieder wieder starrt er auf das Bild seiner toten Frau und berichtet unter Tränen von ihren gemeinsamen letzten Minuten.

Das Fotoalbum meiner Eltern beinhaltet ebenso solche Fotografien. Dazu höre ich immer wieder die Geschichte von der dummen Verwandte, die gebeten wurde die Verwandte X zu fotografieren. Zwar hatte sie  einen Fotoapparat dabei, aber ohne Film! Es wird ihr – noch nach 40 Jahren –  übel genommen. Kein Foto der damals Verstorbenen. Ein Ding der Unmöglichkeit! Bisher dachte ich immer, dass es wohl eine eigentümliche Art meiner Verwandten sei.. leicht gruselig für mich.

Abschied nehmen mit einem „Bitte lächeln Foto“?

Erst ein längeres Gespräch mit meinem  84-Jährigen Begleiters klärte mich etwas auf und lässt mich sogar mit einem anderen Blickwinkel darauf schauen.

Früher war es tatsächlich üblich, nach dem Tod noch ein letztes Foto zu machen. Oftmals lagen die Verstorbenen zudem bis zu 3 Tage aufgebahrt im Haus und jeder konnte sich noch verabschieden. Noch gar nicht so lange her. Zwei Generationen? Es war ein normaler Teil der Kultur. So konnten die Zurückgebliebenen die Trauer verarbeiten. Abschied nehmen. Der Tod war ein Teil des Lebens. Erst im 20 Jahrhundert wird der Tod zunehmend tabuisiert.

Ich betrachte nochmals die Bilder der Verstorbenen. Sie sehen schlafend aus. Friedlich. Eigentlich gar nicht mehr so gruselig. Hm.

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Martina

3 KommentareKommentar hinterlassen

  • Von solchen Fotos habe ich auch schon gehört… jedoch ist das hier in meinem Umfeld wohl auch früher nicht üblich gewesen. Vielleicht, weil man hier zur Zeit meiner Großeltern keine Fotoapparate besaß?

    Damals hatte man ja vielleicht nur eine Handvoll Bilder… bei der Kommunion, der Hochzeit, irgendwelchen großen Festen… da war das dann quasi die letzte Chane. Kann ich verstehen, wenn ich darüber nachdenke…

    Heutzutage, in der Flut der Bilder, sind solche letzten Fotos sicherlich „überflüssig“.
    Und folglich auch irritierend…

  • Wie Du schon geschrieben hast, der Tod gehörte damals zu Leben. Für die Menschen etwas selbstverständliches. So selbstverständlich eben, wie die Hausaufbahrung des verstorbenen. Damit allen Angehörigen aber auch Nachbarn und Freunden die Möglichkeit gegeben werden konnte, gebührend Abschied zu nehmen. Ebenso selbstverständlich war das letzte Erinnerungsfoto, das Totenportrait.
    Im ländlichen Raum war das meines Wissens bis in die 60iger Jahre noch üblich. Aus diesem Zeitraum existiert zumindest ein PM- Foto aus meiner Familie.
    Es zeigt den Bruder meiner Patentante, der 5-Jährig an einer Lungenentzündung verstarb auf dem Totenbett.
    „Schlafend, Friedlich“ passt zu diesem Bild in der tat. Der Junge liegt in seinem Bett, schon im Totenhemd, das mit den Rüschen eher wie eine Mädchenbluse aussieht. Die Hände sind gefaltet, ein Blumenstrauss liegt darunter Auch das Kissen ist mit Blumen dekoriert.
    Wie treffend daher das Schild, welches über dem Bett angebracht war
    „Unser Engel in seinem Totenbett“.
    Ehrlich gesagt, ein schönes Bild, ich fand es nicht gruselig. Tröstend, eine wunderbare Erinnerung an einen Menschen der nicht lange leben durfte.
    So hat er für uns nachfahren ein Gesicht, auch wenn es ein Totes ist.

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