In guten und in schlechten Tagen…

Bei einem Besuch im Krankenhaus stupst mich mein Freund an und nickt in Richtung meiner Liebsten…“Schau mal…so will ich auch alt werden…sie kümmern sich gegenseitig…sie lieben sich…“

Ich verstumme und beobachte. Da sitzen beide, gekennzeichnet durch Alter und Krankheit und strahlen  in dieser Zerbrechlichkeit Wärme aus. Es gab soeben Mittagessen für den Patient. Dieser eine  Teller  wird nun aufgeteilt und sie helfen sich gegenseitig beim Essen. Liebe-und respektvoll ist der Umgang.

 

Meist sind es Krankheiten, die das Leben extrem einschränken. Der Alltag wird zur Herausforderung und als Verwandte überlegt man sich, wie es weitergehen soll. Können sie sich noch selbstständig versorgen? Oder ist die Unfallgefahr doch zu gross? Oder bahnt sich sogar Verwahrlosung/Verschuldung an? Oder, oder, oder..

Plötzlich muss man Entscheidungen treffen. Die Vernunft stimmt für die diversen Möglichkeiten wie betreutes Wohnen, Kurzzeitpflege, Dauerpflege, Altersheim. Man krempelt die Ärmel hoch und beginnt zu organisieren. Tja, aber die Rechnung geht nicht auf. Die Hilfebedürftigen klammern sich an Gewohntes und wehren sich wehement gegen diese Planung. Sich im Alter an eine neue Umgebung gewöhnen? Neue Menschen kennenlernen, mit denen sie sich eventuell nicht verstehen werden? Sich auf eine Struktur einlassen, die nicht von ihnen selbst vorgegeben wird? Es wird gebockt….vordergründig…aber tief im Innern?

Warum habe ich nicht für einen kurzen Moment innegehalten und die Menschen beobachtet, die diese einschneidenden Veränderungen schliesslich betreffen?  Sie haben Angst. Spüren, dass sie sich nahe am letzten Lebensabschnitt befinden und dass ihnen die Selbstständigkeit entgleitet.

Allen Widrigkeiten zum Trotz zeigen sich Momente der Lebensfreude und Lebenskraft. Das ist dermassen eindrucksvoll, dass ich nur da sitzen und staunen kann.

Was soll man machen, wenn es zwei Menschen betrifft, die unterschiedliche Hilfe benötigen und auch dementsprechend verschieden von den Versicherungen/Krankenkassen eingestuft/unterstützt werden? Menschen trennen, die schon ein halbes Jahrhundert zusammen ihren Weg gemeistert haben? Das kann nicht die Lösung sein. Typisch Sesselpupser!

 

Tief durchatmen und nochmals in Ruhe alles durchgehen. Vielleicht gibt es doch umsetzbare Alternativen, damit Menschen so leben dürfen, wie sie es sich wünschen. Es bieten sich ambulante Hilfen/Tagespflege/externe Vollzeitbetreuer an.

Für meine Liebsten ist klar: Auch wenn es mühsam sein wird, wird ihr Weg gemeinsam weitergegangen. Schliesslich haben sie sich vor über 60 Jahren das Versprechen gegeben: “ In guten wie in schlechten Tagen..“

 

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Martina

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