Nacktwandern

Bisher las ich nur in diversen Zeitungen Artikel über Nacktwanderer, die Sonne und Wind auf der Haut in der Natur spüren möchten und immer wieder auf Wanderwegen zu finden sind. Das Thema Nacktwandern wird dann brav ausgeschlachtet und die Pro- und Kontrafraktionen versuchen sich gegenseitig zur Vernunft zu bringen. Was auch immer das heißen mag.

Bisher dachte ich, dass ich ein toleranter Mensch bin, was dies anbelangt. Nackheit ist schließlich natürlich und wer es nicht sehen will, kann sich einen anderen Weg aussuchen. Dachte ich. Bisher.

Bisher ist mir auch noch niemand auf meinen Wegen begegnet, der nur Schuhe und Socken trägt.  Bisher.

Bisher war ich also tiefenentspannt. Bisher.

Bis jetzt.

Auf meiner kleinen Tour im Donautal kreuzte von links ein Nacktwanderer meinen Weg und spurte vor mir ein.  Nun denn, was soll es. Ein Herr, mittleren Alters, der bedächtig und ebenfalls schnaufend (es ging leicht bergauf) den Weg nur in Schuhen bestritt. Er tut keiner Fliege was zu leide und geht rasiert und gepierct und in Gedanken verloren seinen Weg.

Es ist seltsam. Statt meinen Blick über die Natur schweifen zu lassen, kleben meine Augen auf seiner Rückansicht. Der Hintern verformt sich beim Gehen naturgemäß und gestaltet skurrile Gesichter, die ich nicht mehr aus meinem Kopf bekomme. Zwinge ich meine Blickrichtung zu ändern, geht das Kopfkino trotzdem weiter. Nach 10 Minuten bin ich genervt. Keine Ahnung, ob ich mich über mich selbst aufrege, oder ob mich diese Nacktheit auf einem Wanderweg so provoziert. Ich setze zum Überholen an und muss dummerweise mein Tempo erhöhen, was zur Folge hatte, dass ich nach 5 Minuten schon wieder Durst hatte. Eine Pause ist aber nicht drin, denn ich will nicht überholt werden. Komisch…Aber es war so. Ein Aussichtspunkt verspricht ein Päuschen und ich biege ab, um auf dem Felsen den wunderbaren Blick über das Donautal zu geniessen. Auf diese Idee kam auch mein Nacktwanderer. Er drehte sich in allen Richtungen. Nun kenne ich also jede Hautfalte und jedes Schmuckstück. Nicht mein Geschmack.  Ich fühle mich gestört, obwohl mich niemand zwingt hinzuschauen. Seltsam.

Keine Ahnung was mit mir los ist. Mein Verstand gönnt diesem Menschen das Gefühl von Freiheit in der Natur und trotzdem hat mein Gefühl was anderes gesprochen.

Beim Recherchieren über das Nacktwandern habe ich einige Artikel über Gebiete in Deutschland und in der Schweiz gefunden, die Wanderwege vor allem für Nacktwanderer anbieten. Es gibt Foren und erstaunlich viele Anhänger des Nacktwanderns, dass ich es schon erstaunlich finde, dass ich bisher nur einem begegnet bin.

Nacktwanderwege finde ich eine tolle Idee. Somit ist allen gedient. Wie bei ausgeschriebenen FKK-Plätzen.

Nur schade, dass ich wohl doch nicht so tolerant bin, wie ich bisher glaubte. Vielleicht war es auch nur das Befremdliche, das  erste Mal.  Ändert sich das Gefühl, wenn man öfters damit konfrontiert wird? Mal sehen….

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Martina

2 KommentareKommentar hinterlassen

  • Da es Deine erste Begegnung war, finde ich es verständlich, dass Du irritiert und abgelenkt warst.
    Beim nächsten Mal kannst Du den Nackwanderer einfach ansprechen mit: „Entschuldigung, ich bin irritert, können Sie mich bitte vorbeilassen und 10 Minuten Vorsprung lassen?“

  • Das ist bestimmt eine Gewöhnungssache.
    Ich bin zwar noch nie nackt gewandert. Und ich wäre bestimmt zunächst auch überrascht, wenn ich nackte Wanderer antreffen würde. Aber ich war schon oft mit „Kind und Kegel“ im FKK-Urlaub. Es gibt nichts schöneres! Tag und Nacht nichts anhaben zu müssen, außer es wird einem kalt, hat einfach eine besondere Qualität (und ist auch noch gesundheitlich förderlich!). An die Unterschiedlichkeit der menschlichen Körper und seiner Schmuckstücke gewöhnt man sich genauso, wie an die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von bekleideten Menschen.

    Deine Reaktion finde ich ganz „normal“.
    Wenn immer öfter Nacktwanderer unsere Wege kreuzen werden, wird auch das zu einem gewohnten Bild. (Ist zumindest meine Vermutung.)

    Es ist gut, dass Du darüber berichtest und ich finde auch gut, dass Du Deine Zweifel so offenlegst, dass man mit Dir zusammen darüber nachdenken kann, wie jetzt wohl die richtige Umgangsweise damit ist.

    Alles Gute und leiben Gruß, M.!

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