Und plötzlich verliert man den Boden unter den Füssen

Noch berauscht vom wunderbaren Wochenende,  rufe ich meine betagten Eltern an. Dort bekomme ich die Nachricht, dass es einem Mitglied der Familie nicht gut geht. Die Alarmglocken in meinem Kopf schrillen! Das bedeutet nichts Gutes, und die Vorahnung bestätigt sich.

Der Mann, der bisher mit guter Konstitution und Lebensfreude gesegnet war, sich rührend um seine stark eingeschränkt mobile Frau kümmerte und die gesamte Organisation steuerte, muss akut ins Krankenhaus.

Für mich bricht eine Welt zusammen. Was geschieht nun weiter? Die ersten Tage und Nächte darf ich ihn begleiten, was meine Emotionen zum Überschäumen bringt.  Sogar mit Fieber und unter Schmerzen kümmert er sich noch um ein paar Kleinigkeiten und nimmt alles andere einfach hin. Nie hört man ein Jammern oder Stöhnen.

Dabei sehe ich ihm an, wie er leidet. Der Glanz in seinen Augen ist verschwunden und er wirkt fahl und eingefallen. Es tut so weh. Ich verfluche, dass ich im Krankenhaus arbeite und  mit seinem Krankheitsbild vertraut bin. Ich weiss um die Komplikationen und Risiken und möchte es am liebsten ignorieren.

Es tut so verdammt weh, einen Menschen leiden zu sehen, der mich schon das ganze Leben begleitet und fest einen Platz in meinem Herzen hat.

Ein Freund versucht mir zu erklären, dass ich ihm mit Mitleid keine  Hilfe bin und soll auf Mitgefühl umsteigen. Er hat Recht, nur bekomme ich es einfach nicht hin. Dabei muss ich stark sein. Für die Person, die plötzlich alleine dasteht. Aufgrund ihrer Immobilität unfähig  einzukaufen, Geld zu holen oder auch  alleine zu duschen.

Neben der Arbeit muss ich versuchen Unterstützung zu finden. Es ist frustrierend. Die Spitex wird von der Krankenkasse nicht bezahlt. Und da sie sich  die Haare noch selbstständig kämmen  und auch das WC alleine aufsuchen kann, wird sie keiner Pflegestufe zugeordnet. Ich habe eine Riesenwut im Bauch. Auf das System, dem es egal ist, dass sie viel stürzt und nicht alleine aufstehen kann. Dem es egal ist, was sie isst. Der einzige Vorteil von Wut ist, dass sie von der Sorge und Angst ablenkt.

Zum Glück funktioniert die Familie. Auf sie ist Verlass. Zumindest kann sie kurzfristig auffangen. Es wird ein System entwickelt, um etwas Sicherheit gewährleisten zu können. Geschwister, die sehr weit weg wohnen, übernehmen die Telefonate. Besorgungen und Krankenbesuche liegen bei mir.

Ich mache es gerne. Aber es zehrt an der Substanz. Eine Dauerlösung ist es gewiss nicht. Irgendwann muss ein Plan B her.

Bis dahin verlangt die Situation  einiges ab. Der Tag hat definitiv zu wenig Stunden. Emotional und organisatorisch werden Höchstleistungen abgerufen. Von einem Tag auf den anderen…. ich habe etwas Boden unter den Füssen verloren…

 

 

 

 

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Martina

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